Das Verhältnis zwischen Religion und Philosophie ist sowohl ein fruchtbares als auch ein
spannungsreiches.
Das Philosophie-Magazin hat 2016 eine Sonderausgabe herausgebracht, in welcher das Verhältnis der
Philosophie zur Bibel beleuchtet wird.
Die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman plädiert in einem einleitenden Artikel dafür, sich als
Philosoph mit der Bibel auseinanderzusetzen.
> Nicht zuletzt deshalb, weil es doch auch darum gehen muss, den Graben zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu überwinden. Wir können, gerade angesichts der Entwicklungen der letzten 25 Jahre, nicht mehr davon ausgehen, dass Religionen einfach aussterben, dass sie im besten Fall unvernünftig, im schlimmsten Fall gefährlich sind … Ein in dieser Weise radikal säkulares Denken ist nicht klug. Da ist etwas, das wird auf absehbare Zeit Teil unserer Kultur bleiben, und damit müssen wir uns auseinandersetzen. >
Diese Thematik hat sich in unserer Zeit noch verschärft. Umso wichtiger, sich auf die universal-philosophischen Aspekte der Religionen zu besinnen.
> Man findet aber auch schon in der Bibel selbst diese Debatte, diese Reflexion über das Verhältnis des Menschen zu Gott – und über dasjenige zwischen Vernunft und Glauben. Und auch in jeder theologischen Tradition. In den drei großen Religionen gibt es immer auch die rationalistische Tradition, die die Vernunft mindestens gleichwertig neben den Glauben stellt. Denken Sie an die großen mittelalterlichen Rationalisten aus allen drei Religionen, Maimonides, Thomas von Aquin, Averroës …>
### Maimonides, Averroes in Al Andalus
Zwei der von Susan Neiman genannten Philosophen führen uns zurück in eine Region, die gerade heute
wieder
von besonderem historischen Interesse ist: das spanische Andalusien, oder im arabischen: Al Andalus.
Hier lebten für einige Jahrhunderte die drei monotheistischen Religionen miteinander. 711 eroberte die
Dynastie der Umayyaden mithilfe nordafrikanischer Berber die iberische Halbinsel und etablierte eine
islamische Herrschaft, die - in wechselnden Machtverhältnissen und abnehmender regionaler Ausbreitung -
bis
Ende des 15.Jahrhunderts andauerte.
Es gilt, diese Zeit weder als Utopie zu verklären noch als Kulturkampf ideologisch zu verdunkeln. Fakt
bleibt, dass Spanien durch die islamische Periode Anschluss an ein zivilisatorisches Netzwerk erhielt,
welches eine kulturelle Blütezeit ermöglichte. Cordoba wurde zu einem Knotenpunkt des Wissenstransfer,
mit
einer großen neu errichteten Bibliothek, die christliche und jüdische Gelehrte aus ganz Europa anzog.
In dieser Stadt wurden Averroes und Maimonides geboren, beide am Anfang des 12.Jahrhunderts, und beide
als
Teil einer Gelehrtenfamilie mit großem Ansehen und Posten in der staatlichen Justiz oder religiösen
Institutionen.
**Averroes**
Averroes wurde, angeregt durch den Almohaden-Fürsten Abu Yaqub Yusuf I., damit beauftragt, die Lektüre
von
Aristoteles zu vereinfachen - der Fürst selbst hatte Interesse an der Philosophie, fand die Texte aber
weitestgehend unverständlich. Die Kommentare, die Averroes zu den Werken von Aristoteles (Physik,
Metaphysik, Über die Seele) verfasste und zusammen mit Original-Passagen kompilierte, wurden über
Jahrhunderte zum Standard der Aristoteles-Interpretation.
Das ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen, denn Aristoteles wurde in die Debatten der
europäischen
Geistlichkeit und Gelehrtenschicht hauptsächlich durch arabische Übersetzungen und darunter eben
exponiert:
die Kommentares des Averroes, eingeführt.
Das sorgte dafür, dass die bisherige christliche Orthodoxie aufgebrochen und neue starke Impulse zur
Weltdeutung in den Diskurs eingebracht wurden. Dies betraf Fragen, ob die Welt bzw das Universum einen
Anfang hat (wie im Schöpfungs-Gedanken), oder zeitlich unendlich ist. Oder auch die Frage nach der
Unsterblichkeit der Seele. / → Naturforschung / Solche Fragen waren nicht einfach akademische
Gedankenspiele, sondern trafen den Kern einer gesellschaftlichen Ordnung, die von geistigen Dogmen
durchdrungen war. Wenn sich der Verstand Wahrheiten erschließen kann, wenn der Gedanke der Unendlichkeit
nicht abwegig ist, wieso dann auf die Autorität der Kirche vertrauen, wieso an einen Gott glauben, der
die
Welt erschaffen haben soll?
**Maimonides**
Maimonides wiederum setzte sich ebenfalls mit Aristoteles auseinander, eine Lektüre, die der Anschluss an
die Gelehrtennetzwerke der islamischen Welt ermöglichte. Zeitlebens suchte er nach einer Harmonisierung
mit
dem jüdischen Glauben, und vertrat, wie auch Averroes, die Ansicht, dass das rationale Einsichtsvermögen
etwas von Gott Gebenes ist, und dass die Wahrheiten, die man durch philosophische Einsicht findet, mit
den
Wahrheiten der Religion verhandelt werden müssen und im Zweifelsfall von wörtlichen Deutungen der
religiösen
Schriften abzusehen ist. Sein “Führer der Verwirrten” ist bis heute ein kraftvoller Versuch,
Offenbarungswissen und Einsichtswissen zu versöhnen.
Man darf bei alledem nicht verschweigen, dass beide Gelehrte in Konflikt mit der herrschenden Dynastie
gerieten und das Land verlassen mussten. Das nehmen manche Historiker zum Anlass, die Almohaden als
starrköpfige … zu charakterisieren. Angemessener wäre eine gewisse Ambivalenz in der Bewertung, die auch
der
Tatsache Rechnung trägt, dass … Institutionen der Forschung zunächst gestützt wurden, und erst unter
Bedrohung durch Christen zunehmendes Misstrauen und eine Rückbesinnung auf den orthodoxen Islam aufkam.
**Was hat das nun zu bedeuten?**
Es bleibt, diesen Impuls anzuerkennen- ein enorm wichtiger Impuls für die Geistesgeschichte Europas. Der
Islam musste sich früh mit inneren geistigen Konflikten auseinandersetzen, als er im Zuge der Expansion
(von
Mekka und Medina ausgehend) den Dialog mit Christen und Juden aufnahm, und auch die Versöhnung mit
Wissensbeständen der persischen Kultur anstrebte.
Das führte zu zivilisatorischen Impulsen, insbesondere in der Form eines überregionalen Netzwerks des
Wissenstransfers, welches gestützt wurde durch die fleißige und dankenswerte Übersetzungsarbeit
unzähliger
bekannter und unbekannter Gelehrter. Dieses Netzwerk erreichte durch die andalusische Kultur auch
Europa.
Der geistige Funke sprang über und sprengte die Grenzen eines christlich-dogmatischen Weltbildes. Als
herausragendes Beispiel soll hier Thomas von Aquin genannt sein, der in diesem Kontext eine
Mittelstellung
einnimmt, da er - offen für die neuen Ideen der griechisch-persisch-arabischen Überlieferung - dennoch
die
Integration in die bestehende Theologie anvisierte. So versöhnte er beispielsweise den Gedanken der
aristotelischen Unendlichkeit mit einem weiterhin christlich geprägten Kreationismus.
Fazit
Wichtig ist mir aber am Ende nochmal der Hinweis auf die Fruchtbarkeit eines Gedankenaustauschs, der - von Herrschen und Institutionen gestützt - sich dann verselbstständigt, und von Individuum zu Individuum weitergetragen wird. Solche Menschen, den Einflüssen mehrerer widersprüchlicher Gedankenwelten ausgesetzt, sind zu Synthesen gezwungen, die ein höheres Abstraktionsniveau verlangen. Das kann man als eine Art “Durchbruch” bezeichnen - ein Durchbruch zu einer Ebene höherer Abstraktion und Universalität. Und hier ist es auch, wo die Gegensätze überwunden werden und die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen sowie zwischen Religion und Philosophie aufgespürt werden können.