Spinoza – Ewigkeit des Geistes

 

Der im Comic zitierte Satz

“Der menschliche Geist kann mit dem Körper nicht gänzlich vernichtet werden, sondern es bleibt etwas von ihm übrig, das ewig ist.”

 stammt aus Buch V der “Ethik” von Spinoza. Insgesamt umfasst dieses Werk fünf Bücher mit den Titeln:

  • Von Gott
  • Von der Natur und dem Ursprunge des Geistes
  • Von dem Ursprunge und der Natur der Affekte
  • Von der menschlichen Knechtschaft oder der Macht der Affekte
  • Von der Macht des Verstandes oder von der menschlichen Freiheit.

Allein die Gliederung verdeutlicht die Zielrichtung der “Ethik”: die Verbesserung des Verstandes, um sich von der Knechtschaft der Affekte zu befreien, indem man seinen Ausgangspunkt in Gott sucht.
Das klingt nach einer vielversprechenden Anleitung zur Befreiung des Geistes, wenn auch vielleicht ein wenig antiquiert für den modernen Geschmack.
Versteht man Gott, wie Spinoza, als unteilbare, unendliche Substanz, (Buch I, Def.6, Ls 13) dann besteht letztlich alles aus Gott. Das widerspricht deutlich der heute wohl verbreitesten Auffassung, das die Welt aus Materie besteht und ein wie auch immer gearteter Geist in unserem Gehirn sie beobachtet. In gewisser Weise war Spinoza uns aber voraus: er überwindet den Gegensatz von Geist und Materie, indem er Gott als vermittelnde Instanz einführt – nicht als einen richtenden, persönlichen Gott, sondern als ein Abstraktum.
Und da rührten auch seine Probleme mit dem kirchlichen Dogma her: Gott unabhängig von den heiligen Schriften als geistiges Postulat zu setzen, verstößt gegen das Dogma, fasziniert dafür umso mehr den Freigeist, der nur mühevoll den eigenen Zweifel mit dem Glauben, oder ein wenig plakativ: Verstand und Herz miteinander zu versöhnen vermag.

 Das Ziel der Verstandestätigkeit ist laut Spinoza, zur Liebe Gottes zu finden (Buch V – Ls 18, Buch III – Ls 3), worin auch die höchste Handlungsfreiheit liegt. Diese Liebe erlangt man über die adäquate Erkenntnis der Wirklichkeit. Unser normales Alltagsverständnis ist blind gegenüber der wahren Natur der Dinge und zwar dadurch, dass wir die Welt passiv erleben. (Deleuze: Spinoza, S. 29f) Wir erleben die Welt nicht in ihrer Einheit in Gott, sondern in ihrer Mannigfaltigkeit, auf die wir mit verworrenen Gefühlen und Vorstellungen reagieren. Genauere Erforschung fördert tiefer liegende Gesetzmäßigkeiten zutage und befreit uns von Irrtümern. Die Freude, die in der Erkenntnis liegt und sich in der Erweiterung unseres Handlungsspielraums äußert, hat nach Spinoza ihre tiefer liegende Ursache in der Annäherung an Gott. Damit hat unser Geist in zunehmendem Maße Anteil an der Ewigkeit und Unendlichkeit Gottes.

Es ist nicht leicht, sich die Gedanken Spinozas anzueignen – erschwert auch auch noch durch die etwas sperrige Struktur der „Ethik“ mit all ihren Axiomen, Definitionen und Querverweisen. So bin ich auch weit davon entfernt, als Interpret dieses Werkes auftreten zu können. Aber meine Neugier ist geweckt, allein durch die Frage: inwiefern können wir unseren Geist befreien und teilhaben an der Ewigkeit?
Wenn Liebe Gottes, Handlungsfreiheit, wahre Erkenntnis und Glück, wie oben angedeutet, zusammenfallen, dann ist damit doch ein recht ambitioniertes Ziel formuliert. Umso ambitionierter, als alles unter dem Gebot der geometrischen Methode miteinander verkettet und aus Gott, der unteilbaren, unendlichen Substanz abgeleitet wird. Damit ist die Wirklichkeit sowohl des Denkens als auch der Materie letztlich nur Attribut Gottes. Unterscheidungen von Raum und Zeit bringt nur der menschliche Geist hinein. Wahre Erkenntnis liegt darin, wie Spinoza es formuliert, alles unter dem Aspekt der Ewigkeit (lat. sub specie aeternitatis) zu betrachten.
Es ist nicht die Ewigkeit eines richtenden Gottes, der den sündigen Einzelseelen gegenübersteht, sondern die Ewigkeit des Geistes, der sich bemüht, hinter die Schleier von Alltagswahrnehmung und Ideologie zu schauen.