Nietzsche – Verwandlungen des Geistes

 

“Also sprach Zarathustra” von Nietzsche ist schwere Kost, und doch vergleichsweise leicht zu lesen. Leicht, weil die Sprache eigentlich recht verständlich und bildhaft ist, schwer, weil man sich fast zwangsläufig in der Struktur verliert und irgendwann, der Reden müde, sich fragt, was Zarathustra letztlich zu verkünden hat. Zumindest ging es mir so.

Ich lese Bücher selten einfach so von vorne bis hinten durch, so auch dieses Buch. Stattdessen spring ich hin und her, von einem Buch zum nächsten oder mache genau das Gegenteil: klappe die Buchdeckel zu und denke nach, geh spazieren oder schau apathisch in die Luft.
“Also sprach Zarathustra” begegnete mir zum ersten Mal vor vielen Jahren in der Bibliothek, als ich eigentlich etwas ganz anderes lesen musste, aber aus irgendeinem Grund dieses Buch hervorholte. Und da traf ich auf folgende Worte:

“Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.” (Also sprach Zarathrustra)

Und dann nannte mir Zarathustra die drei Verwandlungen: vom Geist der Schwere, von der Bereitschaft, das Schwere auf sich zu nehmen, von dem Drang, sich davon wiederum zu befreien und dem Wunsch, sich seine eigenen Werte, seine eigene Welt zu erschaffen und schließlich von “Neubeginnen” vom enthusiastischem “Ja, zum Spiele des Schaffens”.

Da musste ich erstmal die Buchdeckel zuklappen und spazieren gehen, am besten gar nicht mehr zurückkehren zu den Büchern, die ich eigentlich lesen musste. (Was ich dann auch tatsächlich getan habe, indem ich zum Studium der Philosophie wechselte). Doch viel schlauer bin ich heute immer noch nicht. Daher der Comic.
Es ist der Versuch, mir selbst eine Fährte zu legen.

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Durch die Wüste irrt also der Geist, bereit sich zu beladen. So wie Nietzsche sich beladen hat?
Beladen mit der Last, sich selbst keinen Halt zuzugestehen, immer wieder aufs Neue alles in Frage zu stellen?

“Als Zarathrustra dreißig Jahr alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge.” (Vorrede)

 So beginnt das Buch und man kommt wohl nicht umhin, Nietzsche selbst darin zu erblicken. Ungewöhnlich früh wird er zum Professor ernannt, ungewöhnlich schnell wiederum verlässt er die Universität und widmet sich ganz der eigenen Gedankenwelt.
Hat er das alles so gewollt oder zeigt die Episode mit Lou Salomé, dass Nietzsche letztlich doch einen Halt im irdischen Glück, in der Familie suchte?

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“Ich liebe den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt, und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? – denn er will zugrunde gehen.” (Vorrede 4)

So hart, wie Zarathustra zu seinem Publikum spricht, spricht wohl auch Nietzsche zu sich selbst, um seiner rhetorischen Bereitschaft, sich dem Glück der Herde zu verweigern wohl auch die entsprechende innere Bereitschaft folgen zu lassen. Und doch liegt in den Worten Zarahtustras nicht nur Kompensation und Selbstüberwindung, sondern etwas, was Nietzsches Werk insgesamt für mich so faszinierend macht: dieses tiefe Interesse dafür, was Glück wirklich bedeutet.

“Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der großen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.” (Vorrede 3)

 Vielleicht liegt in Nietzsches tiefster Verachtung immer noch dieser Wunsch nach Wahrheit. Vielleicht wird er gerade dadurch, dass er die Ideale ernst nimmt, ihrer überdrüssig. Nicht das falsche Glück, nicht die falsche Vernunft und nicht die falsche Tugend, sondern…
Ja, da taucht dann wieder die Frage auf: was verkündet Zarathustra denn anstelle dessen?
Ist es die Lehre von der ewigen Wiederkehr?

Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen bin – der wird mich wieder schaffen! Ich selber gehöre zu den Ursachen der ewigen Wiederkunft.
Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit dieser Schlange – nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder ähnlichen Leben: ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im Größten und auch im Kleinsten, daß ich wieder aller Dinge ewige Wiederkunft lehre, – (Also sprach Zarathrustra, Der Genesende)

 Wenn man den verschlungenen Versen des Zarathustra etwas entnehmen will, dann ist es vielleicht die Herausforderung der eigenen Fluchtgedanken. Zu gern sehnt man sich nach besseren Zeiten, besseren Welten oder besseren Verhältnissen, oder versteckt sich hinter einem gesellschaftlichem Image – aber genau da spürt Nietzsche den Fliehenden auf und konfrontiert ihn mit der Forderung, sich selbst genauer zu beobachten. So leicht entkommt man dem Kreislauf nicht.
Aber wer sich stellt, hat die Chance, aus eigener Kraft wiedergeboren zu werden, vielleicht nicht gleich als kosmischer Fötus, vielleicht aber als ganz normaler Mensch – mit etwas mehr Wachsamkeit.

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