Logik & Wahrheit

 

„Was ist Wahrheit? Wie bilden wir unsere Urteile darüber, was an der Welt wahr ist und was unwahr? Befolgen wir einfach einen Algorithmus … Oder gibt es etwa einen anderen, möglicherweise nicht-algorithmischen Weg – vielleicht Anschauung, Einsicht oder Intuition …?“
(R. Penrose: Computerdenken: Die Debatte Um Künstliche Intelligenz, Bewusstsein Und Die Gesetze Der Physik, S. 96)

Wenn man sich diese Frage ernsthaft stellt, ist man schon mittendrin – in der Philosophie. Denn was ist Philosophie anderes als die Suche nach Wahrheit?
Nun, genau übersetzt, heißt „Philosophie“ „Liebe zur Weisheit“. Doch beruht Weisheit nicht auf Wahrheit? Wie kann man weise sein, wenn man noch nicht mal weiß, was Sache ist?
Wenn ich so rede, bediene ich mich insgeheim schon längst einem Code, dem jeder nur allzugern zu folgen bereit ist – dem binären Code der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Nicht-Wahrheit. Ich stelle Fragen, doch das ist Rhetorik. Eigentlich sind es Behauptungen: Weisheit beruht auf Wahrheit. Philosophie ist Suche nach Wahrheit. Noch Fragen?

Nein, zumindest erstmal nicht. Denn vor jedem Nach-denken steht eine Art unbewusstes Hinnehmen, ein vorläufiges Für-Wahr-Halten. Der geschickte Redner knüpft hieran an und übermannt sein Publikum mit selbstgebackenen Schlussfolgerungen. Nicht umsonst beginnt die griechische Philosophie, so wie sie vom Dreigespann Sokrates, Aristoteles, Platon repräsentiert wird, mit einer Kritik an der täuschenden Rede – wir würden heute sagen: PR. Die platonischen Dialoge zeugen von der diebischen Lust, dem aufgeblasenen Redner den Wind aus den Segeln zu nehmen und ihn in Widersprüche zu verwickeln.

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Aristoteles nun destilliert aus diesen verwundenen Argumentationen das Grundgerüst der Logik, dessen Startpunkt der Behauptungssatz ist. Dieser ist entweder wahr oder falsch.

„Es war Aristoteles, der eine geniale und bahnbrechende Einsicht hatte, die ihn zum Vater der formalen Logik werden ließ: Für die Schlüssigkeit eines Arguments ist es unerheblich, wovon es inhaltlich im Einzelnen handelt.“ (H. Tetens: Philosophisches Argumentieren, S. 26)

Mit diesen Worten feiert Holm Tetens, Philosophieprofessor in Berlin, gerade das, was die Logik mitunter so langweilig und leer erscheinen lässt: dass sie das formale Gerüst des Denkens abbildet, ohne Bezug auf die Wirklichkeit zu nehmen. Denn der Behauptungssatz geht nur noch als Variable in die Kunst des richtigen Schließens ein, die ihre Eigendynamik darin entfaltet, den Wahrheitswert von einer Variablen zur nächsten wandern zu lassen. So gelangt man schließlich zu Beweisketten, die beängstigende Formen annehmen, wie

P → Q, (P → R) → S, (~Q v ~S) & (R v ~S): ~(Q ↔ R)  (aus M. Zegarelli: Logic for dummies, S. 196)

Ausgedrückt sind in diesen Symbolen jedoch grundlegende Intuitionen der logischen Wahrnehmung und das ist das Faszinierende daran: die Logik nimmt sehr wohl Bezug auf die Wirklichkeit, und zwar auf die Wirklichkeit des folgerichtigen Schließens, einer Art menschlichen Software des Denkens. Der Kreativitätsforscher Edward DeBono hält diese Software für veraltet und sucht nach neuen Werkzeugen des assoziativen, sprunghaften Denkens, um den menschlichen Geist von der jahrtausendealten Last drückender Denkmuster zu befreien:

„Aristoteles, der als Begründer der Logik gilt, etablierte das Denken in Kategorien. Etwas gehört in eine Kategorie oder nicht, und es kann niemals nur halb hineingehören. Obwohl er zweimal verheiratet war, bat er keine seiner beiden Frauen jemals, den Mund zu öffnen, damit er ihre Zähne zählen konnte. Er war überzeugt, dass Männer mehr Zähne mit Mund haben als Frauen, weil das bei Pferden so ist. Lebewesen der Kategorie ‘männlich’ (wie Hengste) haben mehr Zähne als solche der Kategorie ‘weblich’ – das war aristotelische Logik.“ (DeBOno: Think!, S. 13)

Nun, das ist ein wenig ungerecht gegenüber Aristoteles, der zum einen sich gerade dadurch auszeichnet, dass er im allgemeinen Naturbeobachtungen der Spekulation vorzieht und zum anderen sich der Tatsache bewusst war, dass unser Denken in Begriffen und Kategorien ein bestimmtes Vermögen unter vielen ist, und zwar jenes, das darauf hinzielt, aus der Welt um uns herum Formen zu extrahieren. Aber mit dieser Kritik stößt DeBono eine wichtige Frage an: die Frage, welchen Stellenwert wir dieser Welt der Formen, Kategorien und Verknüpfungsregeln zuweisen. Haben wir die Logik verinnerlicht, weil sie Teil unserer Kultur ist, oder ist die Logik Teil unser Kultur geworden, weil sie ein universales Grundmuster des menschlichen Geistes darstellt?

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Der Comic zu Aristoteles endet mit einer gewaltigen Welle, die unter den Worten „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ die aristotelische Ordnung zusammenbrechen lässt und jenes Gespenst heraufbeschwört, welches man in der Philosophie manchmal das ‘Gespenst des Relativismus’ nennt. Dieses Gespenst flüstert uns ein, dass all unser Wissen keine feste Grundlage hat, sondern eben nur die nach Kategorien geordneten Eindrücke unserer Wahrnehmung. Ob man das als beängstigend oder befreiend empfindet, ist eine Frage der Perspektive. Im Zen-Buddhismus beispielsweise wird durch ‘Koans‘ genannte Denkaufgaben das logische Denken dazu getrieben, aufzugeben und einer Form der Erkenntnis zu weichen, die wohl eher dem entspricht, was Roger Penrose in den einleitenden Worten dieses Artikels als „Anschauung, Einsicht oder Intuition“ bezeichnet.

Bevor wir nun, völlig hin- und hergerissen zwischen Logik, Intuition, Wahrheit und Schein dem Drang erlegen, uns zu entscheiden, halten wir noch einen kurzen Moment inne: vielleicht erwächst ja die Frage „Wer hat denn nun recht? Aristoteles, Platon, Sokrates?“ aus jenen Denkmustern, die doch erst in Frage gestellt werden sollen.
Versuchen wir’s also mit der Bescheidenheit des Philosophen, der sich dazu bekennt, die Weisheit zu lieben, nicht aber, sie zu besitzen und kehren zurück zum schönen Schein der bildlichen Rede. Denn manchmal kommt man mit einem Bild der Wahrheit sogar näher.

In diesem Bild wandert der Philosoph unter einem wolkenverhangenen Himmel, einer dicken Decke aus Irrglauben und Täuschung. Doch das Suchen ist nicht willkürlich, denn es gibt Pfade, denen man folgen kann. Manchmal ist es nötig, einen Sprung zu machen und den Weg zu verlassen, um dann auf einem anderen, neu entdeckten Pfad ein Stück weiter zu laufen. Dabei kann es dem Philosophen durchaus passieren, dass er sich völlig verirrt und nicht mehr weiß, wohin. Niemals jedoch verliert er die Hoffnung, einen jener vielen Orte aufzuspüren, die von den Strahlen der Sonne berührt werden.