Ich nehme z.B. den Begriff der Ursache, welcher eine besondere Art der Synthesis bedeutet, da auf etwas A was ganz verschiedenes B nach einer Regel gesetzt wird. Es ist a priori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen enthalten sollten (denn Erfahrungen kann man nicht zum Beweise anführen, weil die objektive Gültigkeit dieses Begriffs a priori muß dargetan werden können), und es ist daher a priori zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa gar leer sei und überall unter den Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe.

(Kant, Kritik der reinen Vernunft, Von den Prinzipien einer transzendentalen Deduktion überhaupt)

Was Kant hier beschreibt, deckt sich mit der Philosophie der Leerheit des indischen Philosophen Nagarjuna. Nagarjuna stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass wir Erscheinungen als miteinander verbunden wahrnehmen. In seinen Texten provoziert er durch teils rätselhafte Formulierungen das alltägliche Denken, so dass dieses Denken allmählich aus dem Tritt kommt. 

Jay Garfield hat viel zu Nagarjunas Philosophie geforscht; seiner Interpretation nach zielt Nagarjuna auf eine Art ‚geistigen Zement‘, mit dem wir unsere Alltagsvorstellungen stabilisieren: zwei Ereignisse, die aufeinanderfolgen, wie z.B. ‚Lichtschalter drücken‘, ‚das Licht geht an‘, verketten wir in unserem Bewusstsein und stellen uns so etwas wie eine Kausalkraft vor. Eine solche Kraft existiert jedoch nicht; die beiden Ereignisse sind lediglich korreliert, verbunden. Was man als eine gerichtete Kausalität erlebt, ist in Wahrheit eine Vielzahl von Verbindungen in einem komplexen Netzwerk.

Deshalb ist unsere Alltagswahrnehmung trügerisch, unser Bewusstsein im Grunde zu grob. Es ’synthetisiert‘, wie Kant sagt, was eigentlich nicht notwendig verbunden ist.