Dieser Gedanke...

Was nebenstehend in düsterer Verdichtung geschildert wird, zieht sich in Wirklichkeit über einen langen Zeitraum hinweg: Nietzsche wurde seit seiner Kindheit von Kopf- und Augenschmerzen geplagt. Während seiner Zeit als Professor in Basel (1969-1979) nehmen die Krankheitsschübe zu und er sieht sich schließlich gezwungen, den Lehrstuhl aufzugeben. Was folgt, sind Jahre des Umherschweifens, Schreibens und Nachdenkens, bei denen Nietzsche oft den Wohnort zwischen Engadin (Schweiz), Italien und Südfrankreich wechselt. So stößt er auch auf den Ort Sils-Maria, “die schönste Stelle in einem der schönsten Hochgebirgstäler der Welt” (S. 103,Frenzel 2009), wie ihn Ivo Frenzel in seiner Biografie beschreibt.

So schön der Ort ist und so sehr ihm sein Lebenswandel auch zu erfüllender Euphorie verhilft, so sehr ist Nietzsche auch geplagt von Einsamkeit, Schmerz und Krankheit. Umso stärker widmet er sich der Philosophie und kommt zu einer tiefgreifenden Erkenntnis, die ihn nach eigener Aussage geradezu überfallen hatte:

“Ich ging an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgetürmten Block unweit Sarlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke.” (Nietzsche: Ecce homo, über “Also sprach Zarathustra”)

‘Dieser Gedanke’  ist der “Ewige-Wiederkunfts-Gedanke”, wie Nietzsche ihn nennt, “diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann.” (ebd) Bejaht man das Leben auch dann, wenn man es sich als sinnlos ewig wiederkehrend vorstellt, so hat man jede Angst und jedes Bedürfnis nach geistiger Flucht überwunden. Doch so leicht sich dieser Gedanke ausspricht, so schwer ist er zu verwirklichen – auch für Nietzsche.

Lou

Dieser Heiratsantrag richtete sich an Lou Salomé, eine “sehr reizvolle und zudem äußerst intelligente Russin”, (S. 107,Frenzel 2009) die er bei einem Treffen mit Freunden in Rom kennenlernte. Auf gemeinsamen Reisen kamen sie sich näher und ihre gegenseitige Faszination vertiefte sich. Lou Salomé entdeckte in Nietzsche “die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit” und beschrieb ihn zugleich als einen Menschen “von großer Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde…” (Chronik, S. 510). Doch als Lebenspartner konnte sie ihn sich nicht vorstellen und lehnte den Heiratsantrag ab, der tatsächlich im Luzerner Löwengarten stattfand, allerdings ohne die Anwesenheit von Nietzsche selbst, sondern vermittelt durch seinen Freund Paul Ree. (ebd, S. 513) Durch dessen Eifersucht sowie die Anfeindungen von Nietzsches Schwester wurden Nietzsche und Lou schließlich auseinandergetrieben – für Nietzsche eine zutiefst schmerzvolle Erfahrung, wie er in einem Brief festhält:

“Dieser letzte Bissen Leben war der härteste, den ich bisher kaute, und es ist immer noch möglich, dass ich daran ersticke. Ich habe an den beschimpfenden und qualvollen Erinnerungen dieses Sommers gelitten wie an einem Wahnsinn…” (Chronik, S. 508)

Wahnsinn

Nietzsche’s Zusammenbruch ging eine Zeit hoher geistiger Produktivität voraus, in denen aber bereits Zeichen an Wahnsinn grenzender Selbstüberschätzung und Sendungsbewusstsein sichtbar wurden, wie beispielsweise in folgenden Worten:

Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.”  (Nietzsche: Ecco Homo)

Die Energie, die aus diesen Worten spricht, scheint Nietzsche zu übermannen und in den Abgrund geistiger Umnachtung zu reißen. Wiederholt identifizierte er sich mit dem Gott Dionysos, unterschrieb Briefe als “Der Gekreuzigte” und quoll manchmal geradezu über vor Lebenslust – als ob das wiederholt in seinen Schriften auftauchende Motiv des Tanzes plötzlich sein ganzes Leben durchdringt. Am 3. Januar 1898 brach er schließlich auf einem öffentlichen Platz in Turin zusammen, nachdem er sich einem gepeitschten Pferd um den Hals geworfen hatte. Er wird in eine Basler Nervernklinik eingeliefert, wo ein Arzt im Bericht vermerkt:

“Pupillen different, rechte größer wie die linke, sehr träge reagieren. […] Gibt an, daß er seit acht Tagen krank sei und öfters an heftigen Kopfschmerzen gelitten habe. Er habe auch einige Anfälle gehabt, während derselben habe sich Pat. umgemein wohl und gehoben gefühlt, und hätte am liebsten alle Leute auf der Straße umarmt und geküßt, wäre am liebsten an den Mauern in die Höhe geklettert.” (S. 140f, Frenzel 2009)

 

Und verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde! Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht ein Gelächter gab! (Nietzsche: Also sprach Zarathrustra)

Letzte Verwandlung

Das Bild spielt auf die Schlussszene in Stanley Kubricks “2001 – A Space Odyssey” an. Dass der Film Bezug auf “Also sprach Zarathustra” nimmt, ist buchstäblich nicht zu überhören: sowohl Anfangs- als auch Schlusssequenz werden von Richard Strauss’Vertonung des Werks unterlegt. Der Embryo im Schlussbild des Films wächst zur Größe eines Planeten an und strahlt durch den Kosmos. Es ist die Schlusssequenz im letzten Kapitel des Films “Jupiter and beyond the infinite”, in dem der Raumfahrer Bowman sich selbst als Greis im Sterbebett erblickt, bevor er verschwindet und der Embryo an seiner Stelle erscheint. Ist hier die Geburt des neuen Menschen angedeutet, wie Nietzsche sie sich vorstellte?

It is well known that Nietzsche tells us little about what the overman will look like, except that he or she will emerge as a new kind of “child.” So, naturally, many scholars have dismissed the prediction as wild speculation. But Kubrick saw in Zarathustra the vision of a true prophet and looked on the future of technology as the culmination of that vision. His 2001 maps the same Nietzschean pre- and posthuman stages, beginning with ape-men, proceeding through humanity, and finally culminating in a new (beyond human) form, the “Star Child,” a planet-sized superintelligent fetus. (S, 247f, The Philosophy of Stanley Kubrick)

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