Leben

Das nebenstehende Motiv ist dem Bild „Die Schule von Athen“ (Raffael) entnommen. Man sieht links Platon und rechts Aristoteles, ersterer mit dem Finger Richtung Himmel weisend, letzterer die Hand zum Boden hin richtend. Ausgedrückt ist damit der Gegensatz zwischen Platons Ideenlehre und Aristoteles Empirismus.

Ein Beispiel für diesen Gegensatz ist die unterschiedliche Seelenlehre: Platon beschreibt die Seele als ein vom Körper unabhängiges, ewiges Prinzip (Phaidon), Aristoteles dagegen als ein formgebendes, dem Körper innewohnendes Prinzip. (Entelechie).

„Und eben deshalb ist die Ansicht derjenigen die zutreffende, welche meinen, die Seele könne weder ohne einen Leib, noch könne sie selbst ein Leib sein. Sie ist zwar kein Leib, aber sie gehört einem Leibe an; deshalb wohnt sie in einem Leibe, und zwar in einem Leibe von bestimmter Beschaffenheit.“ (Aristoteles, Über die Seele, zit. n. A. Pieper, S. 59

Logik

„Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.“

Das ist der wohl beliebteste Satz in Logik-Lehrbüchern, jener Disziplin, als deren Gründer Aristoteles gilt. Es ist ein Beispiel für einen ‘Syllogismus‘, den Aristoteles als einen Schluss definiert, „in dem nach bestimmten Setzungen [den Prämissen] etwas von diesen Setzungen Verschiedenes [die Konklusion] sich mit Notwendigkeit durch die Setzungen ergibt.“ (Aristoteles, zit.n.Aristoteles Handbuch, S. 343)

Der Verdienst der Logik ist es, die Gesetzmäßigkeiten unseres Denkens sichtbar zu machen. In dem lapidaren Urteil „Sokrates ist sterblich“ stecken zwei weitere Annahmen (Prämissen), die erst in ihrer Verzahnung zum Urteil (Konklusion) führen.

Bereits diese ersten Annahmen sind nicht trivial. Ihnen liegt einePrädikation (Zuschreibung von Eigenschaften) zugrunde: der Begriff des Menschen wird mit dem Begriff der Sterblichkeit verknüpft, womit wir wieder bei der Frage der Seele angekommen sind. (Bild 1)

 

Zum Bildmotiv:
Das Bild des Sokrates lehnt sich an J.L. Davids Gemälde „Der Tod des Sokrates“ an. Dieses Bild suggeriert eher die Unsterblichkeit der Seele, so wie sie in Platons Dialog „Phaidon“ beschrieben wird. Mit dem Finger zum Himmel weisend, in der Gewissheit, im Tod erst die eigentliche Erfüllung der Seele zu erfahren, nimmt Sokrates den Giftbecher gelassen entgegen.

Alltagsverstand

Wo liegt der Fehler in der linken Argumentation?

Er liegt in der falschen Prädikation. Aristoteles beschreibt den logischen Schluss als die Verbindung dreier Begriffe (hier: A – sterblich, B – Mensch, C – Sokrates), wobei ein Begriff als Brücke dient (hier: Mensch):

„Wenn das A von jedem B und das B von jedem C ausgesagt wird, so wird notwendig das A von jedem C ausgesagt.“ (Aristoteles,Erste Analytiken, Buch 4)

Diese Verbindung funktioniert aber nur, wenn das Prädikat (die Eigenschaft) übertragbar ist. Das wiederum ist nur möglich, wenn zwischen den Begriffen eine ‘kategoriale Hierarchie’ besteht.
Der Fehlschluss macht das deutlich: das Prädikat „Mann“ kommt Platon nur zufällig zu (in der Sprache von Aristoteles: akzidentiell). Des weiteren steht “Platon” als Kategorie nicht über “Sokrates” (im Sinne einer Art oder Gattung) (mehr dazu hier). Daher kann man keine Aussage der Form „Für alle B gilt A“ bilden und somit A nicht auf C übertragen.

Meistens bewegen wir uns mit unserer natürlichen logischen Intuition in sicherem Fahrwasser und können solcherlei Betrachtungen den Logikern überlassen. Sobald man aber den Bereich der ‘Alltagslogik’ verlässt, kann dieselbe spielerische Intuition mitunter größte Konzentration abverlangen – und sei es nur, dass wir im Schulunterricht einen geometrischen Beweis erbringen müssen.

 

Fußnote:
Die Besprechung des obigen Fehlschlusses findet sich in: Pierre Conway: Aristotelian formal and material logic, S 6ff

System

So einfach das intuitive Erkennen von Fehlschlüssen ist, so schwierig ist es, explizit anzugeben, wo der Fehler liegt. Indem Aristoteles sich dieser Aufgabe stellte, hat er eine dem Denken zugrunde liegende Ordnung zutage gefördert: die Ordnung der Begriffe, der Beziehungen zwischen den Begriffen und der logischen Verbindung von Sätzen.

Die Schriften zur Logik wurden nachträglich zusammengefasst und als „Organon“ (Werkzeug) herausgegeben, die wie folgt aufeinander aufauen:

„Die Kategorien handeln von Termen, den Bausteinen von Sätzen; De interpretatione handelt von Sätzen, den Bausteinen von Syllogismen; die Analytica priora schließlich handeln von Syllogismen und die Analytica posteriora von deren Anwendung in wissenschaftlichen Demonstrationen; die beiden übrigen Schriften behandeln als eine Art Anhang die Anwendung von Syllogismen im dialektischen Gespräch und im Streitgespräch.“ (65, Aristoteles Handbuch)

Tod

Die Logik behandelt das formal richtige Schließen, den Weg von wahren Prämissen zur wahren Konklusion.
In unserem Syllogismus kommen wir also zu dem Schluss: Sokrates ist sterblich.

Doch was ist mit der Grundannahme, dass alle Menschen sterblich sind?

Bertrand Russel schreibt in seinem Kapitel über Aristoteles’ Logik (in „Philosophie des Abendlandes“) dazu:

„Es ist eine sehr schwierige Frage, wieweit solche allgemeinen Sätze bei uns auf tatsächlichem Wissen beruhen. Zuweilen sind diese Sätze rein verbal: dass ‘alle Griechen Menschen sind’ wissen wir, weil nur ein Mensch ‘ein Grieche’ genannt werden kann. Solche allgemeinen Feststellungen lassen sich nach dem Wörterbuch ermitteln; sie sagen für uns jedoch nichts über die Welt, nur über den Gebrauch der Worte aus. ‘Alle Menschen sind sterblich’ fällt aber nicht darunter; von einem unsterblichen Menschen zu sprechen, ist in sich logisch noch nicht widerspruchsvoll. Wir glauben diesen Satz auf Grund der Induktion, weil nicht verbürgt ist, dass ein Mensch je länger als (sagen wir) 150 Jahre gelebt hätte; das mach den Satz jedoch nur wahrscheinlich, nicht aber gewiss.“ (219, Philosophie des Abendlandes)

Wir können uns hier aussuchen, ob wir hinsichtlich der Frage der Unsterblichkeit der Seele eher Platon oder Aristoteles folgen.

Wissen

„Ja, ja: ‘Vielleicht wissen wir am Ende überhaupt nichts.’ ‘Alles Wissen ist relativ.’ ‘Wissenschaft ist ein soziales Konstrukt.’ Kenn ich alles, diesen Unsinn. […] dieses Zeug ist doch wirklich zu lächerlich, um es ernsthaft zu diskutieren.“

Diese Worte legt Jonathan Barnes Aristoteles in den Mund. („Auf einen Kaffee mit Aristoteles“, S. 60f)
Diese fiktive Reaktion von Aristoteles ist verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass am Anfang einer jeden logischen Argumentation das Finden von Definitionen steht – von Grundannahmen, die als wahr gelten. Kurz: Ohne gesichertes Wissen ist Logik sinnlos.

Doch was ist, wenn wir denjenigen zu Wort kommen lassen, der hier ständig als Logik-Beispiel herhalten muss?

Sokrates, mit seinem berühmtesten Satz:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

 

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